| Alarmiert war die Wiener Philosophiestudentin Natalija A., als sie ihre Gedanken und Träume von einem elektrischen Apparat manipuliert fühlte, den Ärzte in Berlin lenkten. Ihre Verstörung bewegte den Psychoanalytiker Victor Tausk 1919, das Phänomen zu untersuchen. Er nannte es „Beeinflussungsapparat“.
Was sind das für Apparate, denen Menschen sich ausgeliefert fühlen? Und was gehen sie uns heute an?
Die fiktiven Beeinflussungsapparate und ihre Inszenierungen stehen erstmals im Mittelpunkt einer Ausstellung. Raumsprengendes Anschauungsobjekt ist der sieben Meter hohe „Luft-Webstuhl“ des britischen Künstlers Rod Dickinson (2002). Er baute die Maschine nach Zeichnungen eines Insassen der Londoner Anstalt Bethlam, James Tilly Matthews (um 1770–1815), dessen quälende Fiktion das Monstrum war.
Auch hundert Jahre nach Matthews inszenierten psychiatrische PatientInnen ihre Traumata anhand von Erfindungen ihrer Zeit. Dies dokumentieren Werke aus der Sammlung Prinzhorn und der Collection de l'art Brut in Lausanne. Jakob Mohr, Hugo Rennert, L. Heintzen und Friedrich Fent fühlten sich von Lichtwellen der Röntgenapparate beschossen. Josef Schneller klagte über einen Dynamo in der Klinik, der ihn „gewissen Damen“ ausliefere, die sich an ihm befriedigten. Auch die roboterhaften Gestalten auf den Blättern von Robert Gie hängen hilflos an Schläuchen einer Maschine. Johanna Wintsch sah sich nicht als Opfer, sondern als Handelnde. In der Stickerei "Je suis radio" ist sie Senderin.
Konstruiert werden Wahnmaschinen aus Gefühlen der Ohnmacht. War einst der Teufel verantwortlich, wurden es mit der Aufklärung die neu entwickelten undurchschaubaren Technologien, die besonders um 1900 mit Telegraphen, Röntgen- und Radiogeräten Irritation und Angst erzeugten.
Heute müssen wir uns gegen die virtuellen und realen Bedrohungen einer technologisch überdeterminierten Welt behaupten. Nukleare Katastrophen, Massenmedien, Funkvernetzung, Datenspeicher (Stichwort "gläserner Patient") und Kapitalströme erzeugen ein diffuses Gefühl von Gefahr. Verschwörungstheorien, Esoterik und Fundamentalismus basieren auch auf der gesellschaftlichen Erfahrung von fehlender Transparenz. Sie verdichtet sich nicht nur in den Köpfen von Psychotikern zu übermächtigen Phantasmen.
Neben Rod Dickinson stellt künstlerisch Zoe Beloff aus New York den Bezug zu unserer Zeit her mit ihrer interaktiven Installation „The influencing machine of Natalija A .“ (2001). Sie thematisiert das halluzinatorische Erleben der Studentin. Beide Werke lösen das Beeinflussungs-Erleben aus der pathologischen Sphäre, nehmen es als gesellschaftliches ernst und bearbeiten es mit ästhetischen Mitteln. So erweitern sie unseren Blick auf das Thema und seine prekäre Aktualität.
Datum: 26. Oktober 2006 – 15. April 2007
Ort: Sammlung Prinzhorn, Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg, Voßstraße 2, 69115 Heidelberg
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