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stan's cafe: of all the people of asll the world


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www.theaterderwelt.de
www.stanscafe.co.uk


Theater der Welt - StaN's CafE
Of all the people in all the world

Michael Jacksons Schuhgröße, Brad Pitts Scheidungsgründe, das seelische Befinden von Mooshammers Hund. Gegoogelt in drei Sekunden. Internet, Kabelfernsehen und Mobiltelefone schaffen einen Informationsinfarkt, der die eigenen Fragen an die Welt lahm legt.

Dagegen hat Stan's Cafe ein homöopathisches Kunstmittel erfunden – mit einer riesigen meditativen und provokativen Weltlandschaft aus Reis. Jeder einzelne der ca. 6.4 Milliarden Menschen – ob er Bush, Bin Laden, Häberle, Müller oder Rice heißt – wird durch ein Reiskorn dargestellt.

Die Künstler aus Birmingham entwickeln ab März 2005 mit verschiedenen Gruppen aus Stuttgarter Schulen, Altersheimen, Betrieben und interkulturellen Vereinen einen Katalog von mehreren tausend eigensinnigen Fragen und Antworten über die Welt. Die Antwort wird in Reiskörnern ausgewogen und einem Ritual folgend in der Installation platziert.

Die Fragen und Antworten des Publikums gestalten eine neue Sicht auf die Welt in einer täglich wachsenden Landschaftsskulptur aus Reis. Es ist nicht nur eine überraschende Erfahrung, trockenes statistisches Wissen sinnlich vor Augen zu haben.

Die Lokalisierung der Antwort-Hügel im Raum, ihre unterschiedlichen Maße geben der Installation ihre besondere Kraft und scharfsinnigen Humor. Die Landkarte aus Reis steckt voller merkwürdiger Überraschungen und schockierender Entdeckungen über den Heimatplaneten und seine BewohnerInnen.
Quelle: Theater der Welt

Feuilleton, Die Zeit, vom 23.06.2005:

Es gibt die Berge der Lebenden und die Hügel der Toten. Es gibt den
riesigen Berg der Menschen, die heu te bei McDonald's essen werden,
und das Vorgebirge der Menschen, die bei Greenpeace Mitglied sind. Die andenförmige Gebirgskette dahinten, das sind die Menschen, die kürzlich beim European Song Contest zugesehen haben.

Am Berg der blinden afrikanischen Kinder und am Berg der Holocaust-Opfer vorbeigehend, erreichen wir die Inselgruppe derer, die heute sterben oder in einen Unfall verwickelt oder in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Es gibt den großen Berg der Mitarbeiter von British American Tobacco (BAT) und in seinem Schatten den flacheren Berg der Menschen, die heute an den Folgen des Rauchens sterben werden.

Die englische Künstlergruppe Stan's Cafe hat beim Festival Theater der Welt in einer verlassenen Halle auf dem Stuttgarter Bahn-
hofsgelände eine Weltlandschaft errichtet, die aus Reis besteht. Jedes Köm symbolisiert einen Menschen. 104 Tonnen Reis, 6.4 Milli-
arden Körner, sind zu Gebirgen und Dünen, aber auch zu Halden und Körnersammlungen verarbeitet worden.

Sanfte Verrückte wiegen immer neue Menschenberge aus. Jedes Reisgebilde ist die Antwort auf eine Frage. Wie viele Geschiedene leben in Stuttgart? Die Mitglieder von Stan's Cafe, Damen und
Herren in Labormänteln, haben die Zahl recherchiert, und nun verwandeln sie Statistik in Masse, Quote in Anschauung: 60 Reiskör-
ner (Menschen) wiegen etwa ein Gramm, und der Berg der Stuttgarter Geschiedenen wiegt genau 628,1 Gramm.

Nun wird der Haufen der Stuttgarter Geschiedenen in einer Schüssel von der Waage zum vorgesehenen Platz getragen und mit ritueller Sorgfalt auf ein Blatt Papier geschüttet. Kein Korn geht verloren. Der Kern aller Symbolik ist Ehrfurcht. Stan's Cafe beschwört
den Zusammenhang zwischen dem Korn und dem Menschen, den es darstellt. Die Aktion heisßt "Of all the people in all the world" und ist ein melancholischer Reflex auf den triumphalen Gestus, mit dem anderswo der Umstand gefeiert wird, dass wir so viele sind wie noch nie.

Vor allem in der Werbung hat sich eine osmotische Erotik durchgesetzt, wenn Massen zu zeigen sind: der Mensch als
eleganter Nomade, der Weltmarkt als Jungbrunnen und Ort dauernder Verwandlung, der Kaufrausch als sanfte Großorgie. Wenn man das stille Massentheater von Stan's Cafe erlebt, hat man andere Gefühle.
Man sieht Ausgesetzte in sinnloser Zahl: die sortierte, gesiebte Gattung. Material für formende Hände, die nicht da sind. Man wird in
den Stand eines beschämten, hilflosen Gottes versetzt. An einem großen Kontortisch mitten in der Halle wiegen die Damen und Her-
ren aus England immer neue Menschenberge aus, diskrete, ein wenig verrückte Mitarbeiter der großen Schicksalsfabrik.

"Of All the People in All the World" ist vielleicht die extremste Art, etwas zu sagen, was beim Festival Theater der Welt immer wieder
zur Sprache kommt. Schaut man in die Reisberge der modernen Massen hinein, so sieht man: Erdrückte, an ihrer Einsamkeit Ersti-
ckende. Abrutschende.

Datum: 18. Juni, 18.00 – 21.00, 19. Juni – 10. Juli
Di – Fr: 12.00 – 21.00 h, Sa/So: 13.00 – 21.00 h

Ort:
Wagenhalle Innerer Nordbahnhof, Innerer Nordbahnhof 1, 70191 Stuttgart



   
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